Geschichte

Der Name der Siedlung Bissingheim ist eng mit ihrer Entstehung verknüpft – auch wenn sich dies heute nur noch dem Eingeweihten erschließt. Namensgeber der Siedlung war Generaloberst Freiherr Moritz von Bissing (1844–1917), ab November 1914 deutscher Generalgouverneur in Belgien und Förderer der sog. Kriegerheimstätten durch den‚ Verein Mustersiedlungen für Kriegsbeschädigte‘ in Berlin, dem von Bissing vorstand.

Die seit der Mitte des Ersten Weltkriegs verstärkt geführte Diskussion um die Kriegerheimstätten war eng verknüpft mit der Siedlungsreform der Jahrhundertwende und dem Bestreben, der Landflucht zu begegnen; die ‚Heimstätte mit Garten für die Selbstversorgung‘ wurde als Gegenmodell der gründerzeitlichen Mietskaserne gegenübergestellt. Dies geschah ganz im Duktus der Zeit mit (konservativ) gesellschaftsreformerischem Impuls, etwa in einer 1917 publizierten Schrift der Wiesbadener Gesellschaft für Heimkultur, die betonte, dass „in der Familie, in der Heimstätte, die Wurzeln unserer Kraft [liegen], die Quelle unserer kulturellen Entwicklung zu suchen ist. Ein ideales Heim, eine echte deutsche Häuslichkeit, führt zur Verinnerlichung des Familienlebens, die räumlich, gesundheitlich, sittlich und ethisch unzulängliche Mietwohnung des Kasernensystems zu Unruhe, Unfrieden, Außenleben, Vergnügungssucht etc.“

Von_BissingDie Idee der Kriegerheimstätten knüpfte direkt an die Konzepte der Heimstättenbewegung an – die heimkehrenden Soldaten sollten, so der damalige Tenor, quasi „als Dankesschuld des deutschen Volkes ein billiges, gesundes Heim“ erhalten –, eine Form der ökonomischen Teilhabe, wurde der Erste Weltkrieg damals doch auch als Ringen um die wirtschaftliche Vormachtstellung in der Welt aufgefasst. Auch wenn die Kriegerheimstätten nicht für Kriegsbeschädigte allein gedacht waren, lag hier doch ein besonderer Fokus: Statt in ‚kasernenmäßigen‘ Invalidenheimen zu leben, sollten sie weiterhin am Erwerbsleben teilnehmen können und nicht allein auf Rentenzahlungen angewiesen sein.

1918 ging es in die Umsetzung der Siedlung Bissingheim

Die Idee der Kriegerheimstätten erfuhr entsprechend eine große Unterstützung aus Militär und Politik – unter ihnen der besagte Generaloberst von Bissing – und zog mehrere konkrete Siedlungsprojekte nach sich. In Duisburg entwickelte der Leiter des ‚Wohnungsvereins zu Duisburg‘ Hermann Grothe Planungen für eine solche Siedlung im heutigen Duisburger Süden, auf einem Areal östlich der Gartenstadt Wedau, die dieser im April 1916 publizierte und einem dortigen Flurnamen folgend zunächst Seitenhorst nannte. Dieses Areal, eine feuchte Niederung westlich des Speldorfer Waldes, war damals noch Teil des Amtes Angermund und gehörte mehrheitlich den Grafen Spee auf Schloss Heltorf.

Nachdem ein Modell der Siedlung u. a. auf einer Ausstellung zum Siedlungswesen, die in Brüssel unter der Schirmherrschaft von Bissings stattgefunden hatte, auf positive Resonanz gestoßen war und offenbar auch die Aufmerksamkeit von Bissings erweckt hatte, gelang es Hermann Grothe, ein Vorkaufsrecht für die entsprechenden Spee’schen Ländereien zu erhalten. Im Februar 1918 wurde die ‚Rheinisch-Bissingheim Siedlungsgesellschaft mbH zu Huckingen‘ gegründet; Gesellschafter waren neben dem genannten ‚Verein Mustersiedlungen für Kriegsbeschädigte‘ u. a. die Reichsbahndirektion Essen und mehrere umliegende Kommunen.

Die Siedlung erhielt nun den Namen des zwischenzeitlich verstorbenen von Bissing – wie zwei weitere Siedlungen auch, sodass jeweils als Zusatz die Region vorangestellt wurde. Eine Siedlung  Westfälisch-Bissingheim entstand in Hagen, eine Siedlung Märkisch-Bissingheim in Hohenlychen bei Berlin.

Die Planung von 1916 stammt von dem Architekten Caspar Maria Grod (Köln/Essen), der auch die benachbarte Gartenstadt Wedau entworfen hat. So zeigen die Schauzeichnungen der Bauten für Seitenhorst/Bissingheim eine an die gartenstädtischen Wohnhäuser in Wedau erinnernde Charakteristik. Auch die erste städtebauliche Planung für Bissingheim nimmt die in Wedau angewandten Prinzipien wieder auf: durch Anbauten verkettete Einzelhäuser, eine differenzierte Bildung von Straßenräumen und Plätzen, achsiale Sichtbeziehungen. Zugleich zeigen sich bereits wesentliche Unterschiede, vor allem die Gliederung in lange, Nord-Südorientierte Teilbereiche, die an den Stirnseiten mehrheitlich nicht durch Bauten geschlossen sind – bedingt durch die schmalen, tiefen Parzellen der Doppelhäuser, denen im Gegensatz zu Wedau jeweils eine größere Grundfläche für die Selbstversorgung beigegeben ist.

1919 erfolgte der erste Spatenstich

Bei der 1919 beginnenden Errichtung der Siedlung griff man die Grundstruktur der Grod’schen Planung auf, die nun jedoch zu einem deutlich vielfältigeren Entwurf weiterentwickelt wurde. Dies drückt sich u. a. in einer stärker malerisch angelegten Straßenführung von Berglehne und Finkenschlag aus, dem nordöstlichen Teil von Bissingheim, wo mit dem Siedlungsbau begonnen wurde. Die größeren Plätze sind überwiegend mit versetzt einmündenden Straßen angelegt und gegenüber den Straßen dichter baulich gefasst. Teilweise sind auch geometrische Plätze angelegt, einzelne Aufweitungen im Straßenverlauf bilden zusätzliche kleinere Platzsituationen – offenkundig im Bestreben, jedem Teil der Siedlung einen unverwechselbaren Charakter zu geben. Statt der parkähnlichen Randbereiche, die Grod im Nordosten vorsah, wurde bei der Umsetzung 1919 zum Einen die Nebenerwerbslandwirtschaft mit einer Allmende (eine gemeinschaftlich genutzte ‚Weide für Schafe und Ziegen‘) gestärkt, zum Anderen ein kleiner Bauernhof für die Nahversorgung mit Milch etc. errichtet.

„Duisburg Karte Bissingheim“ von Markus Baumer - Basiert auf offiziellen Informationen der Stadt Duisburg und Karten von User:Piedone.. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-de über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Duisburg_Karte_Bissingheim.svg#mediaviewer/File:Duisburg_Karte_Bissingheim.svg

„Duisburg Karte Bissingheim“ von Markus Baumer – Basiert auf offiziellen Informationen der Stadt Duisburg und Karten von User:Piedone.. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0-de über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Duisburg_Karte_Bissingheim.svg#mediaviewer/File:Duisburg_Karte_Bissingheim.svg

 

Diese Strukturen werden nur in Teilen realisiert. Insgesamt wurde der Charakter einer ländlich wirkenden Heimstättensiedlung in der neuen Planung – gerade im Kontrast zur dichteren, stärker urbanen Gartenstadt Wedau – deutlicher herausgearbeitet.

Blauer See in Bissingheim als Naherholung konzipiert

Vier offene Bachläufe aus dem Speldorfer Wald durchzogen nun die Siedlung Bissingheim, teilweise alleeartig mit Bäumen eingefasst. Der Nordgraben und der südlich davon gelegene Teichgraben fließen in den Blauen See, der westlich der Siedlung an der Bahntrasse liegt, während sich der Bruchgraben in rechtwinklig geführten Schleifen durch den südlichen Teil der Siedlung windet und wie der Südgraben in den parallel zur heutigen Bissingheimer Straße verlaufenden Bissingheimer Graben mündet. Der Blaue See war in dieser Planung als Naherholungsbereich konzipiert: Der Teichgraben sollte an seinem Zufluss zu einem kreisrunden Nichtschwimmerbecken geweitet werden, an den Stirnseiten des Sees waren zwei Gasthäuser geplant, eines davon mit Turnhalle.

Zugleich entstanden Rentengüter im südlichen Teil. Schrittweise wurden auch Bauten für die soziale Infrastruktur errichtet: Als Erstes entstand 1923 östlich des geplanten Dorfplatzes an der Hermann-Grothe-Straße die Schule mit einem östlich angrenzenden Lehrer-Doppelwohnhaus.

„Duisburg, Bissingheim, 2012-07 CN-01“ von kaʁstn Disk/Cat - Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0-de über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Duisburg,_Bissingheim,_2012-07_CN-01.jpg#mediaviewer/File:Duisburg,_Bissingheim,_2012-07_CN-01.jpg

„Duisburg, Bissingheim, 2012-07 CN-01“ von kaʁstn Disk/Cat – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0-de über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Duisburg,_Bissingheim,_2012-07_CN-01.jpg#mediaviewer/File:Duisburg,_Bissingheim,_2012-07_CN-01.jpg

Bewohner der Siedlung wurden allerdings nicht – wie zunächst vorgesehen – Kriegsversehrte und ehemalige Soldaten, sondern Reichsbahner des nahen Rangierbahnhofes Wedau und des dortigen Eisenbahnausbesserungswerkes, die 1926 etwa 90% der Bewohner stellten. Als die Siedlungsgesellschaft Rheinisch-Bissingheim in der Inflationszeit 1923 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, wurde die Deutsche Reichsbahn Mehrheitsgesellschafter und machte die Siedlung Bissingheim damit deutlicher zu dem, was sie im Kern schon war: eine Eisenbahnersiedlung.

Der zweite Bauabschnitt in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre erweiterte die Siedlung zum Einen Richtung Westen – im Bereich Am Holderstrauch und Hermann-Grothe-Straße –, zum Anderen Richtung Süden: Dort errichtete man erste Geschäftshäuser am Dorfplatz. Dieser wurde im Rahmen des Konjunkturpaketes II Barrierefrei umgebaut und modernisiert. Die Gesamtkosten für den Ausbau lagen bei etwa 675.000 Euro.

Ab 1929/30 wurde die bisher entwickelte Vielfalt an Einfamilienhäusern zugunsten weniger neuer Geschosswohnungs-Typenhäuser aufgegeben, die vor allem westlich des Dorfplatzes, um den Platz Am Brunnen herum, entlang der heutigen Kurt-Heintze-Straße und am Präsident-Marx-Platz errichtet wurden. Diese haben eher den Charakter von Zeilenbauten und stellen eine spürbare Abkehr von den Heimstätten-Gestaltungsprinzipien früherer Jahre dar. Hieran knüpfen eher die Doppelhaus-Siedlerstellen südlich des Märchenwegs, an den Straßen Berglehne und Finkenschlag an, die ab 1933 als ‚Volkswohnungen‘ nach einem neuen, reichsweit propagierten Typus erstellt wurden. Zudem wurde die Infrastruktur ausgebaut: Man errichtete weitere Geschäftsbauten am Dorfplatz, der damals seine bis heute erhaltene bauliche Fassung erhielt.

Auch die Kirchen – von Grod als Teil der platzbildenden Sonderbauten konzipiert – entstanden erst Anfang der 1930er-Jahre: 1933 wurde die katholische Kirche an der Hermann-Grothe-Straße erbaut, 1935 folgte die evangelische Kirche in etwas weniger zentraler Lage an dem kleinen Platz an der Kreuzung von Märchenweg und Berglehne.

1941 wurde die Siedlungsgesellschaft Rheinisch-Bissingheim in Wohnungsgesellschaft Ruhr-Niederrhein umbenannt und mit verschiedenen Eisenbahnergenossenschaften verbunden.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde ganz Duisburg immer wieder von den alliierten Truppen angegriffen. Auch Bissingheim hatte in dieser Zeit Verluste zu beklagen. 151 Bissingheimer sind getötet worden oder verschollen. Von diesen 151 waren 86 gefallene Soldaten, 32 Heimatopfer, 18 vermisste Wehrdienstleistende, 5 Zivilisten, 1 Kriegsgefangener, 6 für tot erklärte Soldaten, 2 für tot erklärte Zivilisten und ein NS-Opfer. Vor diesem Krieg war Bissingheim als Lazarett erbaut worden, um den Familien gefallener Soldaten Hilfe zu geben.

Bissingheim und der zweite Weltkrieg

Der zweite Weltkrieg hat in Bissingheim, wie auch sonst überall, Spuren hinterlassen. Es gibt ein Denkmal, das an die Gefallenen erinnert. Auch findet man noch immer Bunker, die den Krieg überdauert haben sowie Bombentrichter im angrenzenden Wald. Doch trotz aller Probleme und Schwierigkeiten wurde Bissingheim 1998 80 Jahre alt.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Menschen verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben. Daran erinnert ein am Dorfplatz eingelassener Stolperstein des Künstlers Gunther Demning. Der Stolperstein erinnert an Friedrich Henkel, er wurde Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Zur Erinnerung an sein Leben, seinen Leidensweg und seine Ermordung durch die Waffen SS am 30.01.1945 im Zuchthaus Sonnenburg/Neumark. (vertiefende Informationen)

Die 1952 errichteten Wohnhauszeilen, die die westliche Bauflucht der Kurt-Heintze-Straße zum Blauen See schlossen, bilden den jüngsten Teil des Denkmalbereichs. Die Wohnhäuser der 1960er-Jahre (etwa am Worringer Weg) sind nicht mehr Teil des Denkmalbereichs; sie zeigen das kontinuierliche Wachstum der Siedlung bis weit in die Nachkriegszeit, bei dem die ursprüngliche Planung jedoch nicht mehr Grundlage war.

Bissingheim heute – Daten und Fakten

Heute leben 3156 Einwohner in Bissingheim, der Ausländeranteil beträgt 6,43% und der Anteil der Sozialhilfeempfänger liegt bei durchschnittlich 5,5% bei einer Arbeitslosenquote von 15,7%. Ein Anteil von 34,8% der Bevölkerung in Bissingheim wird von den 35-60-Jährigen gestellt. Weitere 12,9% der Einwohner von Bissingheim sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Einen Anteil von 26,5% stellen Senioren über 60 Jahre. Die Alterspyramide in Bissingheim wird abgerundet durch 15,2% Unter-15-Jährige, 3,1% 15-18-Jährige und 7,5% 18-25-jährige junge Erwachsene.

Eine schöne Zusammenfassung über das heutige Bissingheim hat die WAZ im Rahmen Ihrer Stadtteil Reports erstellt.

 

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